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Cumbaya my Lord oder Copa America hinter Stacheldraht

Sonntag. Ein grosser Tag fuer Suedamerika. Die Fussballweltmaechte Brasilien und Argentinien stehen sich im Finale der Copa America gegenueber. Ein Big Deal, doch dieses Turnier mit einer Fussballeuropameisterschaft zu vergleichen waere falsch. Die grossen Stars wie Ronaldinho beispielsweise bleiben lieber bei ihren Clubs in Europa, als an der Copa teilzunehmen. Nichts desto trotz laesst sich kein Fussballfan diesen Final entgehen. Und Fussballfan, das sind hier eigentlich alle.

Julien, einer der Soehne in meiner Gastfamilie, und ich wurden von David (einem Freund Juliens) eingeladen, das grosse Finale in seinem Haus in Cumbaya mitzuverfolgen. In Cumbaya befinden sich die Villen der Superreichen Quitos. Es liegt etwas ausserhalb Quitos in einem Nebental.

Um die Mittagszeiten machten wir uns mit Juliens Chevrolet Pickup auf den Weg. Unterwegs sammelten wir noch diverse Freunde auf, welche es sich allesamt auf der Ladeflaeche bequem machten. Auf meine Frage, ob das hier erlaubt sei, antwortete Julien: “Yes, as long as they sit”. Als wir Cumbaya erreichten staunte ich nicht schlecht. Die Bourgeoisie Cumbayas verstand es neue Massstaebe in Sachen Sicherheitsvorkehrungen zu setzen: Bis zu Davids Villa passierten wir zwei Checkpoints, schwerbewaffnete Securidad, Mauern und Stacheldraht. Der Zynismus Cumbayas liegt darin, dass sich die Villen der Superreichen oberhalb, aber in umittelbarer Nachbarschaft zu Armensiedlungen befinden.

In der Villa Davids war bereits eine grande Fiesta im Gang. Im Garten tummelte sich unter Aufsicht dreier indigener Hausmaedchen eine ganze Kinderschar. Die Erwachsenen wurden in einem der vielen grosszuegigen Raueme verkoestigt und die Jugend amuesierte sich in einer eigenen Etage mit den neusten Errungenschaften der Unterhaltungsindustrie. Viele sprachen - zu meinem Glueck - Englisch und Franzoesisch. Die meisten Leute waren nett, aufgeschlossen und gebildet, wenn auch einige Arschloecher darunter waren (”You drive by bus? Why dont you hire a driver?”).

Die Wartezeit auf den Anpfiff wurde mit Reis, Crevetten und Cerveza versuesst. Meine Frage nach der Uhrzeit des Spielbeginns konnte keiner beantworten. Es schien schlicht keine Rolle zu spielen. Wieso auch, wir verbrachten eine grossartige Zeit, im Hintergrund Salsamusik, direkt vom Esstisch aus eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Berge. Irgendwann beginnt das Spiel, Sepp Blatter schuettelt Haende, sofort drehen sich alle zum Fernseher und verfolgen mit grosser Ernsthaftigkeit die Geschehnisse auf dem Spielfeld in Caracas.

Das Spiel ist spektakulaer, die Freude gross im Hause. Gross und klein, Mann und Frau, fuer alle zaehlt waehrend neunzig Minuten nur noch el futbol. In der Halbzeit kommt David zu mir: “Luca, please give me five dollar for the food”. Ich lache ihm ins Gesicht, David macht viele Scherze. Er beharrt darauf, die Situation wird peinlich. Ich realisiere, dass ihm alle Freunde einen fuenf-Dollar-Schein zustecken, auch Julien.
Schlussendlich bezahle ich im ueppigsten Anwesen, in welches ich je einen Fuss setzte, fuenf Dollar fuer einen Teller Reis mit Shrimps. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich entschuldige mich bei David.

Brasilien gewinnt 3:0. Anschliessend wird noch stundenlang der Champion der Copa Quito ermittelt - virtuell auf der Playstation. Wir fahren nach Hause. Unterwegs bemerken wir, dass ein Reifen keine Luft mehr hat. Wir halten an der naechsten Tankstelle und pumpen auf. Die Fahrt geht weiter. Auf dem dreispurigen Highway liegt ein Stein. Als wir den letzten Huegel ueberqueren liegt ganz Quito zu unseren Fuessen. Das Panorama, welches sich uns bietet, ist atemberaubend. Insbesondere die Lichter der Quartiere, welche sich entlang den Bergketten immer hoeher den Berg hochfressen. Es sind dies die Favelas Quitos.