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Dünne Luft auf dem Rucu Pichincha

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Heute gings auf den Teleferico. Die Gondelbahn, ein modernes Millionenprojekt von 2.5km Laenge, ist eine der neusten Errungenschaften Quitos und bringt Touristen und Einheimische von 2850m ueber Meer (Quito) auf 4100m Hoehe an die Flanke des Vulkans Rucu Pichincha.
Eigentlich wollten wir nur ein bischen spazieren gehen. Wir, das sind zwei Deutsche und ich. Selbstverstaendlich kam alles anders.

Als Gringos aus dem deutschen Sprachraum waren wir um 08:00 natuerlich die Ersten bei der Gondelbahn, welche den Betrieb erst um 09:00 aufnahm. Die Deutschen wollten bereits um 06:00 gehen, was ich zum Glueck zu Verhindern wusste.

Als die modernste Anlage Quitos ihren Betrieb aufnahm, enterten wir sogleich eine der zahlreichen Gondeln und schon hebte uns der Teleferico mehr als einen Kilometer hoeher als das sowieso schon hohe Quito. Oben angekommen bot sich uns eine einmalige Aussicht ueber das noch wolkenlose Ecuador. Rund um Quito ragen einige der hoechsten Berge Lateinamerikas in den Himmel.

In naher Entfernung sichteten wir auch den inaktiven Vulkan Rucu Pichincha, welcher auf 4690m ueber Meer liegt. Mir nichts dir nichts marschierten wir los in Richtung Bergkuppe, wir hatten ja sonst nichts zu tun, der Gipfel schien uns unerreichbar weit entfernt. Anzumerken ist auch, dass wir allesamt keine grossen Bergsteiger sind, meine letzte Wanderung liegt bestimmt fuenf Jahre zurueck und ueberhaupt bin ich nicht als grosser Sportler bekannt.
Doch nach zwei Stunden strammen Marschierens stellten wir mit Freude fest, dass der Gipfel in erreichbare Naehe gerueckt ist. Nun schien sich eine unausgesprochene Einigung durchzusetzten, dass das eigentliche Ziel unseres kleinen Ausflugs nicht bloss ein Sonntagsspaziergang sondern der Gipfel des Rucu Pichinchas ist. Ein Ziel, welches voellig ueber unseren Moeglichkeiten lag: Wahrend des einen Kameradens Fuesse bereits mit Fussblasen uebersaeht waren, trug der Andere lediglich Turnschuhe und ich selbst hechelte mangels Kondition und aufgrund enormer Hoehe bereits wie ein Strassenkoeter Quitos nach Sauerstoff.

Nichtsdestotrotz ging es weiter, der Ehrgeiz packte uns und nicht zuletzt wollte keiner der Schwaechling sein, welcher zum Rueckzug blaest. Wir beteuerten uns gegenseitig im Fuenfminutentakt, dass es kein Problem sei, wenn einer umkehren wolle.
Die Route wurde anspruchsvoller. Der Pfad loeste sich auf. Es wurde neblig, kalt und windig. Andere Wandervoegel trafen wir nur noch selten an. Immer oefters mussten wir klettern, gefaehrliche Passagen prestieren und auf allen Vieren den Hang hoch krabbeln. Die enorme Hoehe machte sich bemerkbar: Wir japsten nach Luft, der Puls raste und Geist, Verstand und Konzentration verabschiedeten sich schleichend. Auf gut Deutsch: Es war zum Schreien und ausserdem ziemlich fahrlaessig und dumm.
Wir machten immer mehr Pausen. Erstaunlicherweise fuehlt man sich nach einer Minute Stillstand wieder quickfidel. Der eisige Wind und der kalte Schweiss treiben einem dann sogleich weiter. Doch nach fuenf Schritten ist man bereits wieder zu Tode erschoepft und so wiederholt sich dieses Spiel immer aufs Neue. Trotzdem, an Aufgabe nicht zu denken, immer weiter, hoeher, man will nur noch auf den Gipfel, alles andere waere eine Schmach.

Wir erreichten die Zielgerade: Ein aeusserst steiler, mit Schotter und Sand uebersaehter Hang, welcher geradezu zum Bergkamm fuehrt. Noch etwa hundert Meter, doch jeder Schritt wird zum Kraftakt, es ist rutschig und der Sand treibt einem immer wieder zurueck. Wir fliegen staendig auf die Fresse.
Doch irgendwie schaffen wir es. Nach ueber vier Stunden erreichen wir den Gipfel. Die Freude ist gross, obwohl weder Ausblick (Nebel) noch Komfort (Wind, Kaelte) vorhanden. Der Koerper schuettet Adrenalin und Glueckshormone in rauen Mengen aus. Noch nie hat ein Schluck Wasser so gut geschmeckt. Jetzt verstehe ich warum all diese baertigen Messners ihr Leben damit verbringen auf Berge zu klettern.
Wir sind am Ende unserer Kraefte. Zwei Einheimische erreichen den Gipfel. Sie sehen erholt aus, tragen kurze Hosen, scherzen und erzaehlen uns, dass sie den Rucu Pichincha in zwei Stunden machten, einfach so zum Spass. Wir nicken.

Der Abstieg gelingt (weitere zwei Stunden). Zurueck in der Talstation lecken wir unsere Wunden: Unsere Fuesse sind geschunden, die Koepfe schmerzen vom Hoehenunterschied und die Beine drohen uns nicht laenger zu tragen.
Trotzdem bin ich gluecklich. Es wird nicht meine letzte Bergtour hier in Ecuador sein. Es locken noch viele andere, hoehere Berge und nach der Tour heute bin ich bereits bei bester Kondition.