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Der Iliniza Norte (und andere Geschichten aus El Chaupi)

Iliniza Norte

Weil mein erstes Bergabenteuer in Ecuador trotz miserabler Vorbereitung glimpflich verlief, und es mir neben vielen Entbehrungen und Schmerzen auch einiges an Spass bot, entschied ich mich, dieses Wochenende erneut zum Wanderstab zu greifen. Zusammen mit den zwei Allemannen buchte ich eine Tour auf den Iliniza Norte. Um es vorweg zu nehmen: Wir erwischten die falsche Tour. In doppelter Hinsicht. Doch einmal mehr gab es viel Erstaunliches und Verruecktes zu sehen und erleben.

Donnerstag
Im Buero der Reiseagentur Rainforestur suchen wir nach einer Tour mit Bergfuehrer, welche auf ueber 5′000 Meter fuehrt und den Rahmen unserer bescheidenen (physischen) Moeglichkeiten nicht sprengt. Ja, wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Eine nette Dame offertiert uns eine zweitaegige Tour samt Uebernachtung in einer Berghuette auf dem Iliniza Norte. Ich versuche mich an die Worte meines Reisefuehrers bezueglich diesem zu erinnern. “easy to climb”, “technically straightforward”, “well defined trail” und aehnliche Phrasen erscheinen mir vor dem inneren Auge. Klingt genau nach unserem Gusto. Ausserdem wird uns die ganze Ausruestung, von Muetze bis Schuh, zur Verfuegung gestellt. Wir buchen.

Samstag
Wiederum geht es in aller Herrgottsfruehe los. Ein Privatwagen bringt uns von Quito ueber die Panamerica an den Fuss der beiden Ilinizas. Wir fahren zuegig und der Fahrer erfuellt alle Regeln der ecuadorianischen Verkehrskunst (siehe auch Body Count auf Ecuadorianisch) - nur besoffen ist er (noch) nicht. Doch schon nach einer halben Stunde Fahrzeit geht gar nichts mehr. Ein Radrennen. Es mangelt an nichts: Polizeieskorte, Sanitaeter, Teamwagen, Werbefahrzeuge. Nur die Zuschauer fehlen. Nicht ein Mensch gesellt sich an den Strassenrand. Wir warten zwei Stunden. Schlussendlich biegt der Fahrer mitten im Niemandsland in eine Nebenstrasse ein und haelt vor einer kleinen Gaststube. Wir warten auf einen weiteren Tourteilnehmer und auf unsere Ausruestung. Der Teilnehmer, Bruce aus den Vereinigten, erscheint - doch von Equipment keine Spur. Wir wechseln das Fahrzeug. Ein Mann, dessen Bauchumfang verraet, dass er unmoeglich unser Bergfuehrer sein kann, faehrt uns mit seinem Pickup tiefer ins zentrale Hochland. Meine erste Fahrt auf der Ladeflaeche. Ich fuehle mich um viele Jahrzente zurueckgesetzt. Die Fahrt fuehrt ueber loechrige Schotterpisten an Kuhweiden vorbei, viele Menschen sieht man nicht, lediglich von Zeit zu Zeit ein Einheimischer indigener Herkunft, welcher hoch zu Pferd die Gegend von El Chaupi unsicher macht. Der Wagen haelt vor einem Hostal, welches mutterseelenalleine in der Landschaft steht. Der Fahrer steigt aus, heisst uns vom Deck runterzuklettern und wirft wortlos unsere Rucksaecke auf den Boden. Dann braust er davon. Wir haben allesamt keine Ahnung que pasa, also betreten wir das Hostal, ein altes gemuetliches Holzhaus. Die Leute geben uns zu verstehen, dass wir auf einen gewissen Wladimir zu warten haben. Mehr ist ihnen nicht zu entlocken. Auf dem Balkon finden wir zwei Dutzend Teenies aus den Staaten vor. Sie tragen perfekte Outfits und langweilen sich. Es gelingt uns nicht, ihnen auch nur eine Silbe zu entlocken, welche von irgendwelchem Wert waere. Wladimir kommt nicht. Wir spielen Tischtennis. Mittlerweile ist spaeter Nachmittag. Die dreistuendige Wanderung zur Berghuette koennen wir uns abschminken, denn um 19 Uhr herrscht hier tiefe Nacht.
Wladimir kommt, die Augen rot wie Rubine. Er findet, wir sollen im Hostal schlafen, “es mas comodo”, am Sonntag den Marsch ins Refugio antreten, anschliessend gleich den Gipfel besteigen und dann das Ganze wieder runter (insgesamt ca. neun Stunden Marsch). Wir streiten (dreisprachig und heftig). Wladimir findet: Ihr habt kein Equipment und es ist zu spaet. Wir finden: Er hat Recht, aber das ist seine Schuld. Nach endlosen Diskussionen und mehreren Telefonaten nach Quito und Banos einigen wir uns darauf, dass wir die Nacht im Hostal verbringen, Sonntags mit zwei Guides ins Refugio (4700 m) hochsteigen, dort uebernachten und am Montagmorgen endlich den Gipfel des Iliniza Nortes besteigen (5126 m). Will heissen: Wir lassen Montags die Schule sausen. Wir schliessen Frieden mit Wladimir, welcher uns einlaedt, an einem abendlichen Spaziergang mit der Volunteergruppe aus den USA teilzunehmen.
Die nordamerikanische Arbeiterkolonne ist zu Fuss nicht gerade schnell unterwegs. Und auch sonst fuehle ich mich in allen Vorurteilen gegenueber dem Land der unbegrenzten Moeglichkeiten bestaetigt. Da waere zum Beispiel Gillian. Sie kommt aus Colorado, ist 18 Jahre alt, ihr “Lieblingsland” ist Dubai und sie bezahlt 5000 USD um drei Wochen Freiwilligenarbeit in Ecuador zu erledigen.
Das Ganze ist uns zu daemmlich und langsam und so ziehen wir alleine weiter. Zu Viert steigen wir auf einen Huegel, auf dem friedlich ein paar Kuehe grasen und einige Bauern den Tag ausklingen lassen. Der Ausblick hat es einmal mehr in sich. Waehrend die Daemmerung einsetzt steigt der Vollmond genau hinter dem Gipfel des Cotopaxi hervor. Eine einmalige Perspektive auf den Hausberg Quitos. Wir bleiben stehen, schiessen dutzende Fotos und realisieren erst als es stockdunkel ist, in welch ungemuetlicher Lage wir uns eigentlich befinden. Da stehen wir, vier orientierlungslose frierende Gringos in der Dunkelheit des ecuadorianischen Hochlandes, jeder einen Stein in der Hand um sich gegen die aeusserst unfreundlich auftretenden Koeter zu wehren. Wir halten den feuchten Daumen in die Luft und laufen in irgendeine Richtung los. Lage: aussichtslos. Ploetzlich ertoent auf der Strasse Motorengerausch. Ein vollbesetzter Toyota Pickup ueberholt uns und haelt an. Die Leute auf der Ladeflaeche winken uns einladend zu. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und schwingen uns ueber das Gelaender auf das schon dicht besetzte Deck. Der Fahrer gibt vollgas. Wir fallen hin und bleiben bewegungsunfaehig liegen. Ich zum Beispiel auf dem Bein einer alten Frau und dem Fuss eines Jungen. Doch scheint dies keinen zu kuemmern, die Leute laecheln uns nur freundlich zu und fragen nach unserem Bestimmungsort. Der Pickup brettert gefaehrlich schnell ueber die loechrigen Strassen. Ich starte eine Volkszaehlung. Ergebniss: mehr als 25 indigene Menschen - Frauen, Maenner, Kinder, Alte - draengen sich auf der Ladeflaeche. Allesamt strahlen sie Ruhe, Zufriedenheit und bescheidenes Glueck aus. Die Grossfamilie befindet sich auf dem Nachhauseweg einer Taufe. Schlussendlich haelt der Wagen, viele Haende helfen uns aufzustehen und mit einem grossen Satz springen wir aus der Kutsche.
Nach einer warmen Mahlzeit und einigen Pilsener am Kaminfeuer lege ich mich Schlafen. Von Ruhe auf dem Land kann leider keine Rede sein. Ein Zirkus ist im Dorf, welcher bis fuenf Uhr Morgens Rambazamba macht.

Sonntag
In Quito habe ich mich daran gwoehnt von allen denkbaren Laermquellen aus dem Schlaf gerissen zu werden. Von Hundegebell ueber Schiessereien bis zu fruehmorgendlichen Konzerten, nichts vermag mich mehr zu ueberraschen. Doch das fruehmorgendliche Geschnatter der Volunteers im Hostal erwischt mich auf dem falschen Fuss. Ich bleibe wach liegen und denke darueber nach, ob es wohl eine haesslichere Sprache als das amerikanische Englisch gibt.
Noch immer keine Spur von unseren Guides oder unserem Equipment. Tischtennis. Um die Mittagszeit geht es ploetzlich Schlag auf Schlag. Ein Pickup faehrt vor. Drei Jungs, kaum volljaehrig, werden als unsere Bergfuehrer vorgestellt. Die Ausruestung ist, wenn auch nicht vollstaendig, ebenfalls eingetroffen.
Endlich geht es los. Im Jeep werden wir an den Fuss der Ilinizas gefahren. Nun gilt es unser gesamtes Gepaeck und das Essen fuer zwei Tage von 3900m auf 4700m ins Refugio zu schleppen. Die Sonne brennt erbarmunglos und der Weg fuehrt einen steilen sandigen Hang hoch. Nach drei Stunden Marsch erreichen wir die Berghuette, eine primitive Baracke, welche geschuetzt von Wind und Wetter zwischen den beiden Ilinizas liegt. Aus der Naehe betrachtet sieht der Iliniza Norte bedrohlich und unbezwingbar aus. Nur Fels, teilweise schneebedeckt und aeusserst steil. Eigentlich nichts fuer unsereiner.
Nach Einbruch der Dunkelheit wird es eiskalt. Wir verziehen uns in die Huette, wo wir unter dem Licht einer Oellampe “Mensch aergere dich nicht” spielen und Mate de Coca schluerfen. Unseren Guides gelingt es in primitivsten Verhaeltnissen ein herrliches Abendessen auf den Tisch zu zaubern. Spaeter schaut noch der Fuchs auf einen Besuch vor der Huette vorbei. Frueh legen wir uns schlafen. Mein Schlafsack ist defekt, er laesst sich nicht schliessen. Es sollte die kaelteste Nacht meines Lebens werden.

Montag
Tagwache um 05:30. Nach einigen waermenden Getraenken gilt es ernst. Wir tragen aeusserst unkomfortable Plasticboots, vier Schichten Kleider, Handschuhe, Schal, Muetze - trotzdem friere ich mir fast den Arsch ab. Der Aufstieg beginnt. Der Berg ist Stein und Bein gefroren. Um Halt zu kriegen, muessen die Schuhe bei jedem Schritt in den Grund gerammt werden. Eine sehr ermuedende Taetigkeit.
Eine Stunde spaeter erreichen wir den Gebirgskam. Zu beiden Seiten geht es steil in die Tiefe. Nun seilen wir uns an. Der Weg verliert sich und immer oefters sind Klettereinlagen von noeten. Das Ganze gipfelt darin, dass wir eine fast senkrechte Felswand hochzuklettern haben. Ich verfluche meinen Reisefuehrer. Doch unsere Guides leisten ganze Arbeit. Immerzu sichern sie die Seilschaft ab, leichtfuessig und gekonnt bewegen sie sich auf dem Berg. Die Klettereinlagen zerren an Nerven und Kraeften. Das Gestein ist broecklig, oft loesen die Kameraden oberhalb Gesteinsbrocken, staendig muss ich in Deckung gehen.
Langsam aber sicher habe ich die Schnauze voll, als der Gipfel endlich in Reichweite scheint. Ein letzter Kraftakt und wir stehen nach ueber drei Stunden Klettern, Marschieren und Zittern ganz oben. 5126 m ueber Meer. Die Freude ist gross und wir werden mit einer glasklaren und phaenomenalen Aussicht fuer unseren Aufwand entschaedigt. Die Deutschen sagen: “Berg heil!”. Nur etwas truebt die Freude: Wir muessen auch wieder runterkommen.
Der Abstieg wird wie erwartet schwieriger als der Aufstieg. Die Beine sind muede, immer oefters rutscht man aus, verliert den Halt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sonne nun voll in den Berg scheint. Der Schnee schmilzt und vermischt sich mit der Erde zu einem gefaehrlich rutschigen Schlamm. Nicht wenige Male nehmen wir die Hilfe der Gluecksgoettin Fortuna in Kauf.
Nach zwei Stunden Abstieg erreichen wir das Refugio. Ich bin todmuede aber uebergluecklich. Ich ziehe die Schuhe aus. Meine Fuesse dampfen. Nach einer Staerkung nehmen wir die letzte Etappe in Angriff. Zwei Stunden vergehen bis wir unsere sieben Sachen den Berg runtergeschleppt haben. Nun werden wir im Jeep zur Panamerica gefahren. Als wir durch El Chaupi fahren sind die Volunteers gerade dabei Muell auf dem Dorfplatz einzusammeln.
An der Panamerica wartet schon unser Fahrer. Wir steigen um, ich schlage meinen Reisefuehrer auf. “Iliniza Norte: For fit, acclimatized and experienced hikers”.