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Von weissen Villen und schwarzer Pein in Casablanca

Casablanca

Raus aus der Stadt, ab an den Strand. Einige Tage Pazifik, Sand und Palmen. Wer koennte da schon nein sagen. Die Reise fuehrt nach Casablanca, Esmeraldas. Die schwarze Provinz Ecuadors.

Eine siebenstuendige Busfahrt katapultiert mich vom weissen und urbanen Quito geradewegs ins schwarze, bauerliche und arme Esmeraldas.
Die Flora droht zu explodieren, alles spriesst, blueht und wuchert, kaum Lebensraum fuer die Menschen. Unendliche Bananenplantagen, in denen sich Riesen von Maenner mit Macheten, die Messer so lang wie ihre Beine, durch das Dickicht kaempfen. Die Luft ist durchzogen von dunklen Rauchschwaeden, teils aufgrund Feuerstellen gleich auf der Strasse, teils wegen den Oelraffinerien, welche das schwarze Gold Ecuadors verarbeiten und ausser Lande pumpen.
Die Menschen mausarm, lethargisch von Feuchtigkeit und Hitze. Schmutzig und kaum Kleider am Leib starren sie apathisch aus ihren schaebigen Huetten, kaum eine Frau ohne Saeugling an der Brust. Von den Hauswaenden prangt das Konterfei Rafael Correas. Correa Presidente! In jeder Kneipe mindestens ein Mann eingenickt zu Tische, vor sich die leere Rumflasche.
Licht am Ende des Tunnels. Tor in eine bessere Welt. Endlich! Bienvenido a casablanca! Wer die Hoellenpforte passieren darf, gelangt geradezu in paradisische Verhaeltnisse. Casablanca, die Oase der Unbeschwertheit. Vergiss die Leiden deines Volkes, vergiss die Ungerechtigkeit, lass uns Spass haben! Weisse Menschen, weisse Haeuser, weisse Westen?

Die dunklen Gepaecktraeger schleppen uns die Koffer in die Villa gleich am Meer, nun gehts Barfuss auf die Promenade, hier zeigt der weisse Mann aus Quito was er hat, Rayban-Brille laessig im Gesicht, die neuste Lacoste Sommerkollektion stolz auf der sonnenverbrannten Haut. Durstig gehts an die Cocktailbar gleich am Strand, wo schwarze Barkeeper fantastische Kreationen aus allen moeglichen Fruechten und Saeften mischen. Am Thresen tummeln sich Strandschoenheiten mit plastisch-chirurgischer Vergangenheit, aus den Boxen traellert Bob Marley. Is this love that im feeling?

Man kennt sich in Casablanca. Die Gespraeche wiederholen sich im Viertelstundentakt. Geld, Autos, Studium, Auslandreisen. Ich moechte in den Swimmingpool kotzen, doch eine schwarze Putzequipe ist gerade mit dessen Reinigung beschaeftigt. Zurueck in der Villa werden frische Meeresfruechte aufgetischt, wie praktisch, hat man die Hausmaedchen aus Quito doch gleich in den Urlaub mitgenommen. Ferienkonform in bunte Tuecher eingekleidet, sieht man sie die Samsonite-Koffer ihrer Meister schleppen, deren teuer erkauftes Real Estate sauber halten, oder andere Arbeiten erledigen, welche einem wohlhabenden Menschen nicht wuerdig sind.

Nachts geht es barfuss ins Ausgehviertel des Ressorts. Hier tanzt die Zukunft des Landes zu europaeischer Musik. Dieselben Gesichter, wie man sie auch in den Discos von St. Tropez, Marbella oder St. Moritz antrifft: Einfaeltige, naive und verweichlichte Fratzen.
Um vier Uhr morgens dann nur noch eine handvoll schwarzer Angestellte, sowie mein Freund und ich an der Theke. Allesamt boracho, betrunken. Die Stimmung explosiv. Wir unterhalten uns mit einem Typ, der sich Darwin nennt. Er klagt uns das Leid seines Lebens, wer kann es ihm veruebeln. Spaeter klaut er eine Dekorations-Ananas, nicht zum Spass. Seine Zunge ist schneeweiss, man moechte nicht wissen, was sich der Familienvater diese Nacht alles hinter die Binde gekippt und die Nase hochgezogen hat.
Ein weiterer Trunkebold stoesst hinzu, kaum noch Zaehne im Mund, zieht er uns zwei Gringos zur Begruessung eine PET-Flasche ueber den Schaedel. Man moechte ihm dazu gratulieren.
Hoechste Zeit den Heimweg anzutreten. Das Geraeusch der brandenden Wellen wiegt mich in den Schlaf und ich denke mir, dies koennte Himmel oder Hoelle sein.