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1:0 fuer den Cotopaxi

Der Cotopaxi (5897m ueber Meer) vom Gipfel des Illiniza Norte aus betrachtet.

Fuenf Wochen Quito sind genug - sagte ich mir letzten Sonntag und machte mich auf Land und Leute ausserhalb der Hauptsatdt zu erkunden. Doch erst hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes Grosses vor: Ich wollte den Cotopaxi, zweithoechster Berg Ecuadors und aktiver Vulkan, besteigen.
Mit 5897m Hoehe ist er zwar alles andere als niederig, gilt aber als technisch einfacher Berg. Kletterpartien sind im Gegensatz zum Illiniza Norte nicht von Noeten, allerdings werden Steigeisen und Eispickel benoetigt um sich ueberhaupt auf dem Gletscher bewegen zu koennen.

Quito wollte mich nicht ziehen lassen. Vom Haus eines Freundes, wo ich Samstagsnacht uebernachten durfte (Herzlichen Dank an die Selva Alegre), nahm ich schwerbeladen eines der zahlreichen Taxis, um zum Busterminal im Sueden Quitos zu gelangen. Als ich dem Fahrer meine Destination eroeffnete und um eine unverbindliche Offerte bat, blickte dieser auf die Uhr und erklaerte sich nicht bereit die Fahrt anzutreten, weil er bald Feierabend machen wollte. Also bat ich ihn, mich an eine vielbefahrene Kreuzung zu chauffieren, damit ich mir eine andere Kutsche suchen kann. Zaehneknirschend willigte er ein und warf mich etwa fuenf Blocks weiter aus dem Wagen. Weit und breit kein Taxi in Sicht, dafuer viele Leute auf der Gasse - Musik, Speise und insbesondere Trank. Mit meinen zwei riesigen Rucksaecken irrte ich orientierungslos und ausgestellt umher, die Menschen starrten mich schahmlos an. Ich erblickte ein Taxi, dessen Fahrer rauchend daneben stand. Er wollte mich nicht transportieren - ohne Angabe von Gruenden. Alles ziemlich ungemuetlich, mein Riecher fuer Raub & Ueberfall loeste hoechste Alarmstufe aus. Endlich fuhr ein Taxi vor. Der Fahrer fragte mich als Erstes, was zur Hoelle ich in dieser gefaehrlichen Gegend zu Suchen habe, und verkuendete dann, dass er mich mangels Wechselgeld ebenfalls nicht zu transportieren gedenke. Grosszuegigerweise fuhr er mich aber kostenlos aus der Gefahrenzone. Das dritte Taxi, welches ich bestieg, verfuegte sowohl ueber Zeit wie auch Wechselgeld und so erreichte ich am spaeten Nachmittag endlich das Terminal Terrestre.

Im Busterminal herrschte reger Betrieb. Es wimmelte von schreienden Kartenverkaeufern, Chauffeuren, Fahrgaesten und Proviantverkaeufern. Ich suchte einen Bus in Richtung Ambato und wurde schon bald von einem geschaeftstuechtigen Chauffeur zum richtigen Bus gelotst. Nachdem ich die Terminalgebuehr bezahlte, machte ich es mir auf einem der ueppigen Sitze gemuetlich. Als der Bus losfuhr waren mich eingezaehlt gerade mal zwei Nasen an Bord. Dies verwunderte mich insofern, dass ich in Ecuador noch nie einen Bus sichtete, der nicht voll besetzt war. Die Loesung des Raetsels praesentierte sich mir, als der Bus das Tor des Terminals passierte, dutzende Leute auf den Bus zu stuermten und ihn innert Kuerze bis auf den letzten Platz fuellten. Die Fahrgaeste waren schlichtwegs nicht bereit die 0.20$ Terminalgebuehr zu berappen.

Die Fahrt verlief wie immer kurzweilig. Fliegende Verkaeufer stiegen im Viertelstundentakt zu und aus (siehe auch “Der Busdoktor“), aus den Boxen droehnte Reggaeton und ueber die Mattscheibe flimmerten die Abendnachrichten. Davon erhoffte ich mir einige Neuigkeiten aus der weiten Welt, hatte ich doch (Gruss an HR) seit 5 Wochen nicht mehr ferngesehen, keine Newsseite aufgerufen und keine Zeitung gelesen.
Das Nachrichtenstudio war vertikal zweigeteilt. Linkerhand eine Sprecherin aus Quito (Hochland), rechterhand aus Guayaquil (Kueste). Abwaechslungsweise praesentierten sie die wichtigsten News aus ihrer Gegend.
Quito: Ein Raeuber, bewaffnet mit einem antiken Revolver, ueberfaellt eine Frau, klaut ihr Mobiltelefon, versteckt sich in der Kanalisation und wird spaeter von den Gendarmerie gefasst. Das Fernsehen nennt den Uebeltaeter (ein minderjaehriger dunkler Hautfarbe) mit vollem Namen und zeigt ihn angekettet am Pickup der Polizei.
Guayaquil: Ein Taxifahrer wird niedergeschossen. Taeterschaft fluechtig. Die Bilder zeigen den enstellten Leichnam des Mordopfers und sein blutverschmiertes Fahrzeug.
Von Politik, geschweige den Weltpolitik, war leider waehrend der gesamten Sendung nichts in Erfahrung zu bringen.

Mittlerweile war dunkle Nacht und dicke Regentropfen prasselten auf die Scheiben nieder. Der Bus fuhr die Panamerica in Richtung Sueden ab. Mein Ziel: Das Hostal PapaGayo, wo ich die Nacht verbringen wollte. Zu meiner Freude wusste der Fahrer, wo ich aussteigen musste. Der Bus hielt, ich stieg aus und fand mich mutterseelenallein am Strassenrand der Panamerica wieder. Keine Menschenseele, kein Haus, Regen, zapenduster. Ein Schild, “Papagayao 500m”, wies mich in Richtung eines Feldweges. Ich machte mich schleunigst auf den Weg, das Licht meiner Taschenlampe als einzige Lichtquelle. Weit und breit kein Haus in Sicht, ich hatte das Gefuehl bestimmt schon eine halbe Stunde zu marschieren, was ich mangels Uhr nicht verifizieren konnte. Die Lage war einmal mehr eher ungemuetlicher Natur und der Gruseleffekt wurde zusaetlich verstaerkt, als im Lichtkegel meiner Taschenlampe ein Tierkadaver, aehnlich einem Mater, in einer Blutlache auftauchte.
PapaGayo! Erleichterung. Schleunigst betrat ich die warme Stube des umgebauten Bauernhofes. Sofort wurde mir von den freundlichen Angestellten eine warme Suppe aufgetischt und ich lernte meinen Seilgefaehrten fuer den Cotopaxi kennen. Der schon etwas aeltere Oesterreicher war seit zehn Tagen in Ecuador und absolvierte bisher dasselbe Programm wie ich: Rucu Pichincha, Illiniza Norte. Zufrieden und zuversichtlich legte ich mich schlafen und genoss die absolute Ruhe.

Montags galt es dann frueh aufzustehen. Nach einem ausgiebigen Fruehstueck wurde das Equipment geprueft und schon ging es im Toyota-Jeep (Marktanteil Gelaendewagen Ecuador 100%) an den Fuss des Cotopaxi. Petrus zeigte sich nicht gerade milde: Der Berg war wolkenverhangen und starker Wind wehte. So schleppten wir unser Gepaeck und den Proviant in das Refugio auf 4800m. Dort trafen wir auf unseren Guide Sergio, welcher unseren einzigen Auftrag fuer den restlichen Tag verkuendete: Relax! Spaeter erteilte er uns auf einem Schneefeld eine kurze und eher unmotivierte Einfuehrung in die Handhabung der Steigeisen und des Eispickels. Im Gespraech erfuhr ich, dass er am Vortag den Cotopaxi und Samstags den Chimborazo bestieg. Ich ueberlegte mir, wie motiviert ich waere an zwei Tagen in Folge denselben Berg zu besteigen.

Nach dem Abendessen legten wir uns dann bereits um 18 Uhr schlafen. Die Berghuette war ausgebucht, der Cotopaxi ist das beliebste Ziel fuer Bergsteiger in Ecuador. Natuerlich war um diese Zeit nicht an Schlaf zu denken, erst Recht nicht bei dem ganzen Geraschel und Geschnarchel im Massenschlag. Um 22 Uhr kehrte endlich etwas Ruhe ein. Doch schon bald darauf wurde ich wieder aus dem Schlaf gerissen. Jemand haemmerte wie wild an die Haustuere, schrie wie am Spiess und klingelte Sturm. Ein Einheimischer, welcher alleine vom Tal bis zur Spitze steigen wollte, sich dabei verlief und zwei Tage in eisiger Kaelte und Wind umher irrte. Verstaendlicherweise war er in lausiger Verfassung und grosser Panik. Am naechsten Tag war er immer noch im Refugio. Ich erkundigte mich, weshalb man ihn nicht in ein Krankenhaus transportiere, worauf ich erfuhr, dass er das Geld fuer den Transport vom Refugio ins Tal nicht aufbringen koenne.

Um Mitternacht ging es endlich los. Auf einen Schlag standen alle auf und packten gleichzeitig ihr Equipment zusammen. Hektik und Chaos machten sich breit. In der oberen Etage meines Kajuettenbetts kotzten sich zwei Hollaender, bekanntlich eine grosse Bergsteigernation, die Lunge aus dem Leib. Sie befanden sich erst seit drei Tagen im Land und wurden folglich hoehenkrank. Nachdem ich in Vollmontur war (vier Schichten Kleider, Sturmmaske, Plastic Boots, Stirnlampe), marschierten wir los in Richtung Gletscher. Vor der Huette erwarteten uns Temperaturen unter Null, und heftige Windboen. Das Licht meiner Stirnlampe war aeusserst spaerlich und meine Brillenglaeser liefen staendig an, weshalb ich halbblind den Berg hochstolperte. Nach fuenfzehn Minuten sagte mein Companero: “Ich werds nicht schaffen”. Korrekterweise haette er sagen muessen: “Wir werdens nicht schaffen”, denn will einer umkehren, bedeutet dies das aus fuer die gesamte Seilschaft.

Um ein Uhr erreichten wir den Gletscher. Nun montierten wir die Steigeisen und seilten uns zu dritt an. In der Zwischenzeit hatte meine Stirnlampe den Geist total aufgegeben. Zufaelligerweise hatte ich meine Stabtaschenlampe dabei, welche mir der Guide nun mit einem Seil auf den Kopf band.
Das Marschieren auf dem Gletscher erwies sich als aeusserst ermuedend. Der schlecht definierte Pfad fuehrte schnurgerade und saumaessig steil zum Vulkankrater. Um den Halt nicht zu verlieren, galt es vor jedem Schritt den Eispickel in den harten Boden zu rammen. Der Wind blies mir Eispartikel um die Ohren. Mein oesterreichischer Fluegelmann war bereits nach zwei Stunden am Ende seiner Kraefte. Auch meinem Guide schien die Hoehe nicht sonderlich zu bekommen, staendig murmelte er sein Franzoesischrepertoir, bestehend aus zwei Saetzen, vor sich hin: “Qu’est-ce que c’est” und “Comment se va”. Nun verordnete er staendig Pausen, in denen wir es uns auf dem Eis gemuetlich machten und mir der Schweiss auf der Haut einfror, wovon ich mir natuerlich eine tuechtige Erkaeltung einfing. Fast alle anderen Seilschaften ueberholten uns. Ich fragte den Guide, weshalb wir soviele Pausen machten. Antwort: “Qu’est-ce que c’est, comment se va”. Meine Fuesse waren mittlerweile in erbaermlichem Zustand, zerschunden und aufgerieben von den unkomfortablen Plastic Boots. Mir wurde einerseits bewusst, dass ich der Einzige im Gespann war, der wirklich nach oben wollte und andererseits, dass ich wohl nicht in der physichen Verfassung dazu war. 
Um vier Uhr, auf 5300m Hoehe, schwenkte der Oesterreicher die weisse Flagge. Wir kehrten um. Den Gipfel haetten wir sowieso nicht mehr rechtzeitig (Daemmerung) erreichen koennen, hatten wir doch noch nicht einmal die Haelfte der Hoehenmeter prestiert. Ich war ziemlich genervt. Nun begann mein Kamerad, mich im Fuenfminutentakt zu fragen, ob es mir gut gehe und ob alles OK sei. Dies machte mich geradezu rasend, war er doch derjenige der umkehren wollte. Ich sprach kein Wort bis zur Huette, welche wir um fuenf Uhr erreichten. In verfluchte Berg, Guide und Oesterreicher.

Um sieben Uhr kehrten die erfolgreichen Seilschaften zurueck zum Refugio. Ihre Gesichter sprachen Baende. Von Begeisterung keine Spur, auch fuer die Erfahrenen unter ihnen war es ein harter Aufstieg. Der Wind hat sie beinahe von der Bergkuppe gefegt.

Somit war das Abenteuer Cotopaxi fuers erste vorbei. Ein unvergessliches Erlebniss war es allemal, das Rumklettern bei Nacht auf Eis. Allerdings wurden mir auch deutlich meine Grenzen aufgezeigt und mir wurde klar, dass ich in besserer Kondition sein muss und auch die auesseren Faktoren (Wetter, Guide, Seilschaft) passen muessen, wenn ich erfolgreich sein will. Cotopaxi, ich komme wieder.