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Dschungelfieber in Cuyabeno

Im Cuyabeno Regenwald nahe der kolumbianischen und peruanischen Grenze

Ecuador ist ein vielfaeltiges Land. Nachdem ich an dieser Stelle bereits aus Berg- wie auch aus Kuestenregion Bericht erstattete, war die Zeit reif fuer einen Abstecher in die dritte geographische Zone Ecuadors, das Amazonas-Tiefland.
Im sogenannten Oriente befinden sich riesige Regenwaelder mit Fluessen, welche allesamt in den Amazonas muenden. Die Gegend erlangte einerseits Beruehmtheit durch seine ueppige Flora, die immense Artenvielfalt und seine indigenen Ureinwohner, andererseits leider auch durch einige der groessten Erdoel-Katastrophen unserer Zeit, Grenzkonflikte mit Kolumbien und Peru sowie der Rodung geschuetzter Waelder.

Letzten Sonntag machte ich mich also auf nach Lago Agrio, Stadt der Oelarbeiter und Ausgangspunkt fuer Expedition in den Cuyabeno-Nationalpark, welchen ich anvisierte. Einmal mehr startete meine Reise im Tollhaus des Busterminals Quitos. Es erwarteten mich sieben Stunden Busfahrt und so machte ich es mir fruehmorgens mit viel Proviant und Lektuere auf einem einsamen Fensterplatz gemuetlich. Kurz vor Abfahrt erfuellte eine beissend stinkende Rumfahne den Bus. Ich schaute auf und erblickte einen aelteren stockbesoffenen Herr geradewegs auf mich zu torkeln. Tatsaechlich machte er es sich neben mir gemuetlich und startete sogleich einen Monolog ueber den christlichen Glauben. Soviel ich verstand, fuehlt er sich vom Herrgott ungerecht behandelt, denn trotz stetem Gebet scheint das Glueck in diesem Leben nicht auf seiner Seite zu sein. Trotz allem sei Dios stets in seinem corazon etc. Er und insbesondere seine Ausduenstungen waren unausstehlich und selbstredend wandte ich umgehend die oft erprobte No-Hablo-Espanol-Strategie an. Ohne Erfolg. Also gab ich ihm in Zeichensprache mehrmals und deutlich zu verstehen, dass ich an “Konversation” nicht interessiert sei und wandte mich wieder meinem Buch zu. Ohne Erfolg. Schlussendlich erbarmte sich der Steward meiner und bot mir einen neuen Sitzplatz an.
Die restliche Fahrt verlief fuer ecuadorianische Verhaeltnisse ruhig und es war interessant (und schweisstreibend) den klimatischen Uebergang vom kuehlen und trockenen Hochland zum heiss-feuchten Oriente am eigenen Leib zu erfahren. Als der Bus dann kurz vor Lago Agrio von einem Trupp ecuadorianischer Soldaten gestoppt wurde, war auch die Naehe zu Kolumbien nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Jungs kontrollieren alle Paesse und filzten Passagiere und Rucksaecke eher schlecht als recht nach Drogen und Waffen.

In Lago Agrio angekommen suchte ich mir eine Absteige, kredenzte wie ueblich ein Huhn mit Reis und legte mich unter dem droehnenden Ventilator schlafen. Montag morgen holte mich mein Guide Diego ab. Fuer unsere achtkoepfige Reisegruppe, welche sich schon nach zehn Minuten in einer Diskussion ueber die Zeitdiffernz zwischen Quito und Sydney verstritt, hatte er gleich einen ganzen Langstreckenbus gechartert. Spaeter fassten wir Gummistiefel und wasserdichte Taschen und fuhren zum Cuyabeno-Nationalpark.

Nun verluden wir unser ganzes Gepaeck in ein Motorboot und wasserten vier kleinere Kanus, welche uns fortan als Fortbewegungsmittel auf dem Rio Cuyabeno (schmal, braun, schwache Stroemung) dienten. Jetzt stand paddeln auf dem Programm. Fast geraeuschlos bewegten wir uns immer tiefer in den Regenwald. Nach fuenf Minuten rudern hatten wir die Zivilisation bereits vollstaendig hinter uns gelassen und waren komplett ins Dschungelleben eingetaucht. Diegos Argusaugen erblickten im Fuenfminutentakt Gefieder auf den umliegenden Baeumen und so gab es bereits am ersten Tag einiges zu sehen. Nebst Papageien, anderen Voegeln (deren Namen ich bereits vergass) und buntesten Schmetterlingen hiess uns auch ein Mutter-Sohn Affengespann im Dschungel willkommen.
Bis zu diesem Zeitpunkt brannte die Sonne erbarmungslos auf unsere Koepfe nieder, welche einige der Expeditionsteilnehmer in Indianajones-Manier mit Adventureschlapphut zu schuetzen versuchten. Doch augenblicklich vernahmen unsere Ohren ein lautes Rauschen, Diego schrie “RAIN!” und wenige Sekunden spaeter prasselten feisse Regentropfen in hoher Kadenz auf unsere Kanus nieder. In Rekordzeit zwaengte ich mich in meinen Regenponcho und war fortan mit dem Schoepfen von Wasser beschaeftigt, damit unser Kanu nicht absoff.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir eine kleine gerodete Flaeche, wo bereits unser provisorisches Nachtlager in Form von Igluzelten errichtet wurde. Nach einer staerkenden Suppe unternahmen wir den ersten Abstecher zu Fuss in den Regenwald. Schon nach wenigen Metern verhaderte sich der erste Dschungelgast in einem maechtigen Spinnennetz und auch fortan stand unser abendlicher Spaziergang unter dem Stern der Insekten.
Da waeren zum Beispiel die Riesenameisen, welche wir beim Ueberfall auf den Bau einer schwaecheren Ameisenspezies ertappten. Die ausgewachsenen Ameisen murksten sie ab um die Eier des Nachwuchses zu klauen, in den eigenen Bau zu verfrachten und bei Geburt gleich zu versklaven. Spaeter gabs dann noch Riesentaranteln, Skorpionspinnen und andere Achtbeiner in freier Wildbahn zu sehen.
Als wir uns schlafen legten, musste ich feststellen, dass der naechtliche Dschungel laermtechnisch durchaus mit einer Grossdisco in unmittelbarer Nachbarschaft vergleichbar ist.

In den folgenden Tagen quartierten wir uns in einer primitiven Holzunterkunft mitten im Regenwald ein und unternahmen von dieser Basis aus verschiedene Ausfluege. Auf der Cuyabena-Lagune sichteten wir Suesswasserdelfine und Kaymane, fischten Piranhas aus den Fluessen, lernten wie man sich im Dschungel durchschlaegt (Ameisen aus Aesten schlecken, Wasser aus Lianen trinken, Tierfallen bauen) und liefen noch dem eint oder anderen Dschungelbewohner ueber den Weg (Papagaie, Guerteltiere, Pocket Monkey).

Als kroenender Abschluss unserer Dschungelwoche stand der Besuch eines Dorfes mit Ureinwohnern auf dem Programm. Zufaelligerweise stieg am Tag unseres Besuches gerade die alljaehrliche Dorfsause. Das Rahmenprogramm bestand hauptsaechlich aus einem Fussballturnier, welches auf dem Dorfacker ausgetragen wurde. Ein Mann mit Mikrofon kommentierte, im Takt der unterlegten Cumbiabeats, das Geschehen auf dem Platz. Zu seinen Fuessen lagerte eine Kiste Bier, der Lohn fuer seine Muehen, welche er mit stetem Durst leerte. Ueberhaupt war bereits des fruehen Nachmittags das gesamte Dorf besoffen. Dem Torwart wurde immerzu Feuerwasser dargereicht und auch der Buergermeister, erkennbar als einziger Hemd- und Brillentraeger, torkelte mit einer Flasche Schnapps durch die Gegend. Als er die Besucher aus der Fremde erblickte, war die Freude natuerlich gross und so wurden wir zu mehreren Glaesern Chucha (”Indian beer”, allerdings hochprozentig) verdammt, eine fast ungeniessbare Bruehe aus Schnaeppsen, Kraeutern und Saeften, welche wir anstandshalber natuerlich austranken.
Auch auf dem Fussballplatz versuchten wir unser Glueck, nachdem unsere Mannschaft (”Liga Hamburg”) spontan zum Turnier zugelassen wurde. Baren Fusses und unter stroemenden Regen prallte unser europaeischer Holzhackerfussball auf die ecuadorianischen Salsakicker. Wir verloren jedes Spiel.

Nachdem Liga Cuyabeno alles klar machte und auch das Finalspiel souveraen fuer sich entschied, traf man sich in der von der europaeischen Union gestifteten Dorfhuette zu weiterem Umtrunk. Wir amuesierten uns gerade praechtig, als das englische Paar unserer Gruppe einen angeketteten Affen erblickte. Der Fakt, dass Menschen welche seit hunderten von Jahren diese Gegend bewohnen, einen Affen als Haustier halten, schockierte unsere zivilisierten Freunde von der Insel (Vegetarier, beide) derart, dass sie sich beim Besitzer des Affens umgehend, vehement und auesserst emotional fuer die Freilassung des Tieres einsetzten. Dieser verstand natuerlich die Welt nicht mehr und schuettelte nur unglaeubig den Kopf. Vollends peinlich wurde die Situation, als die Englaender die Freilassung mit zehn Dollar zu erkaufen versuchten und von unserem Guide Diego forderten, er solle gefaelligst mit den Leuten reden. Als sich die zwei Aktivisten das Scheitern ihrer Aktion zur Rettung des Regenwaldes eingestehen mussten, beschlossen sie, dass sie keine weitere Minute in diesem barbarischen Dorf verbringen moechten und forderten ultimativ die Rueckkehr ins Camp.

So ging mein Abstecher in den Regenwald leider viel zu frueh zu Ende und ich kehrte in einer wiederum siebenstuendigen Busfahrt in den Stadtdschungel von Quito zurueck. Unterwegs wurde unser Bus gleich zweimal gefilzt: Zuerst vom Militaer und dreissig Minuten spaeter von der Drogenpolizei. Diese zaehlt auch einen Ghettoblaster zu ihrem Equipment, und so verlief die gesamte Kontrolle beschallt von entspannten Salsaklaengen.