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Am Clasico de Sangre in Guayaquil

Im Estadio Monumental von Barcelona Guayaquil

Fussball. Selbstverstaendlich auch im Land an der Aequatorlinie ein grosses Thema. Als nicht gerade erfolgsverwoehnter FC Aarau-Anhaenger (und Mitglied der gefuerchteten Curva-Nord) freute ich mich natuerlich schon Monate vor meiner Reise auf Fussballspektakel in suedamerikanischen Hexenkesseln.
Meine Studien zur ecuadorianischen Fussballlandschaft starteten in Quito, wo ich Partien der Stadtclubs Nacional Quito (verpflichten nur ecuadorianische Spieler) und Liga Deportivo Universidad Quito (haben am meisten Knete) scoutete. Das Gebotene auf dem Platz vermochte mich durchaus zu begeistern. Erwartungsgemaess waren die Partien offener, technischer, torreicher - kurz: spektakulaerer. Ebenfalls stets vorhanden war der Mut zum Schuss, was mich (der traumatisierte und verhinderte FCA-Sturm im Hinterkopf) natuerlich besonders freute.
Was mich hingegen eher enttaeuschte waren die Geschehnisse neben dem Feld. Da war nicht soviel los wie erhofft. Alles ging ziemlich gepflegt ueber die Buehne und die einzige kritische Situation ging von meiner Seite aus, als ich beim Liga-Heimspiel bei einem gegnerischen Treffer lauthals jubelte. Inmitten der Liga-Ultras.
Nun, meine Tage in Quito sind bekanntlich gezaehlt und ich schwadroniere derzeit an der Kueste rum. Natuerlich besuchte ich auch die groesste Stadt Ecuadors, Guayaquil. Ein Thema fuer sich. Im Taxi vom Terminal zu meiner Absteige erkundigte ich mich nach den Moeglichkeiten zur fussballerischen Live-Unterhaltung an diesem Wochenende, worauf mir der Fahrer erfreut mitteilte, dass Sonntags das grosse Derby (el clasico del astillero) zwischen den Stadtclubs Barcelona Guayaquil und Emelec Guayaquil steige. Seine dringende Empfehlung lautete: Nicht gehen. Ich ging. Es war der helle Wahnsinn.

Ausgangslage

Vereine:
Der Barcelona Sporting Club ist Tabellenerster und stetiger Titelanwarter. Der Verein verfuegt ueber die groesste und radikalste Anhaengerschaft im Lande. Nebst 13 Titeln blicken “Die Gelben” stolz auf zwei Finalteilnahmen in der Copa Libertadores (suedamerikanisches Pendant zur Champions League) im Jahre 1990 und 1998 zurueck. Trikotsponsor ist die omnipraesente Brauerei des Nationalbiers Pilsener (”La Cerveza de los EcuaTorianos”). Traurigerweise ist der Club nahezu eine Einszueins-Kopie des allerseits bekannten spanischen Namensvetter. Sowohl Name, Logo wie auch Trikot wurden schahm- und fast nahtlos uebernommen. Scheint aber keinen zu stoeren.
Emelec gewann immerhin schon zehnmal die Schuessel. Anhaengerschaft allerdings klein. Trikotsponsor ist ein Fruchtsafthersteller namens Sunny.

Stadion:
Barcelonas Estadio Isidro Romero Carbo, genannt El Monumental, ist der groesste Fussballtempel im Lande und (ecuadorianischen) Geruechten zufolgen eines der fuenf groessten Stadien Lateinamerikas. Pele soll es das Schoenste genannt haben. Eine Einschaetzung, welche ich nicht teile. Die Schuessel fasst 90′000 Tifosis. Eine Zuschauerzahl welche erst einmal, im Finale des genannten Copa de los Liberdadores, erreicht wurde. Hinter den beiden Toren befinden sich zwei riesige Stehplatzrampen, zu den Seiten die Tribuenenplaetze und oberhalb zahlreiche Logen, welche aber nicht wie bei uns der Fussballmafia vorenthalten sind. Preispolitik: Stehplatz $3, Tribuene $9, Loge $15.

Weg ins Stadion

Ein Taxi sollte mich zum Monumental bringen (sicher ist sicher). Schon nach kurzer Fahrzeit war aber Schluss, alle Strassen ums Stadion waren (zurecht) gesperrt und ich zottelte zu Fuss weiter. Wohlwissend trug ich neutrales und unauffaelliges Schwarz, lies alle meine Wertsachen (ausser die Kamera) im Hostal und versuchte mich ein bischen wie ein Einheimischer zu verhalten, was natuerlich nicht gelang. Schon bald zeigte sich, dass die Barcelonistos in klarer Ueberzahl sein werden, ueberall leuchtete das Gelb ihrer Trikots. Ein ungeheurer Fussballmob naeherte sich von allen Seiten dem Stadion, welches etwas erhoeht auf einem Huegel am Stadtrand liegt. Gleich vor dem Stadion liegt ein Stuetzpunkt der ecuadorianischen Streitkraefte. Diese riegelten ihr Gelaende ab, indem sie einfach einen Humvee quer vor den Eingang parkierten und zwanzig Jungs mit Pumpactions ans Gatter abkommandierten.
Nun kaufte ich mir ein Schwarzmarktticket fuer die Tribuene Ost und versuchte in Erfahrung zu bringen, wo sich der Eingang zu eben dieser befand. Dies wusste keiner so genau. Also machte ich es wie alle anderen, ueberquerte zwei Erdgruben und stand schlussendlich vor dem Stadion, wo mich eine unendlich lange, aber erstaunlich zivilisierte Menschenschlange erwartete. Ich reihte mich ein. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die Koepfe nieder und die Wasserverkaeufer verzeichneten Rekordumsaetze (von den Bierverkaeufern ganz zu schweigen). Noch eine halbe Stunde zum Anpfiff, der Mob wurde ungeduldig. Zusaetzlich angeheizt wurde die Stimmung von Logenbesuchern, welche bereits auf ihrem Balkon thronten und sich einen Spass daraus machten, Leute in der Warteschlange als Schwule zu verspotten. So flogen die ersten Flaschen schon vor dem Stadion.
Am Ende der Warteschlange erwartete den Matchbesucher eine Mauer, welche er ueberklettern musste und anschliessend ganze Heerscharen von Polizisten, welche einem im Labyrinth von Gittern und Eingaengen von Tor zu Tor jagten. Unerklaerlicherweise erreichte ich in Kuerze die Tribuene-Ost und begab mich in den bereits gut gefuellten Hexenkessel.

Vor dem Anpfiff

Gerade als ich augenreibend meinen ersten Fuss auf die Tribuene setzte, hoerte ich die ersten Feuerwerkskoerper durch die Luft schwirren. Instinktiv duckte ich mich und sah ganze Raketensalven ueber meinen Kopf rasen. Barcelona-Fanaticos eroeffneten das Feuer auf die Emelec-Ultras. Die meisten Raketen schlugen jedoch in den Logen ein, wo sich kurzzeitig auch ein Feuer entwickelte. Ich fand es zwar ziemlich fahrlaessig, machte mir aber keine weiteren Gedanken. Nachdem Spiel vernahm ich in den Abendnachrichten, dass ein elfjaehriger Junge durch ein solches Geschoss in die Brust getroffen wurde und noch auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, weswegen die Zeitung heute titelten: El clasico de sangre.
Von diesen traurigen Vorkommnissen wusste im Stadion natuerlich keiner und die Offiziellen verspuehrten offenbar auch keine Lust deswegen gleich die Partie sausen zu lassen oder die Meute wenigstens zu etwas mehr Vernunft zu ermahnen. The show must go on und so betraten die Gladiatoren die Arena, worauf der Mob ausser Rand und Band geriet. Aus allen Rohren wurde gefeuert. Besondere Beliebtheit erfreuen sich Feuerloescher, deren Inhalt in die Luft versprueht wird. Aber auch Gegenstaende jeder Art (Flaschen, Beutel, Schuhe, Radiogeraete) grundlos aufs Feld oder auf tiefere Zuschauerraenge zu werfen ist durchaus ueblich.

Spielverlauf

Anpfiff. Der Laerm im Stadion ist ohrenbetauebend. 60′000 fussballverrueckte Ecuadorianer schreien und trommeln den Spielern all ihre Erwartungen und Hoffnungen ins Bewusstsein. Die Partie beginnt entsprechend nervoes, doch schon bald entwickelt sich ein ansehliches Spiel mit vielen Torchancen und ueberraschend frueh faellt der Fuehrungstreffer fuer die Emelec-Underdogs. Die Barcelonistas verstummen, der Emelec-Sektor hingegen eskaliert regelrecht. Wir zaehlen die zehnte Minute, doch bereits jetzt spielt Emelec schahmlos auf Zeit und simuliert, dass sich die Balken biegen.
Nun setzte (warum auch immer) ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Sektoren ein. Die Leute (darunter auch Frauen und Kinder) kletterten einfach nach Lust und Laune ueber die 4 Meter hohen Absperrungen. Den anwesenden Polizisten gefiel das gar nicht, weshalb sie die Leute mit Teleskopstoecken regelrecht von den Zauenen knuettelten.
Das naechste Highlight auf dem Platz setzte ein Argentinier von Elemec, welcher nach einer Blutsgraetsche bereits in der 36. Minute vom Platz verwiesen wurde.
Nun ging Barcelona in die Offensive und haette verdientermassen noch in der ersten Halbzeit den Ausgleich erzielen sollen. Gelang ihnen aber auch in der zweiten Halbzeit trotz fantastischen Spielzuegen und ueberzeugendem Zug nach vorne nicht. Es ereigneten sich dann einige kritische Aktionen im Emelec Strafraum, welche den Schiedsrichter die Sympathie des Publikums kostete. Gleich in meiner Naehe stimmte eine aeltere Frau einen Gesang an, der da lautete: “Arbitro hijo de puta” (Schiedsrichter Hurensohn), welcher schon bald aus allen Muendern erklang.
In der Schlussphase wurde der Druck Barcelonas groesser und groesser, doch es wollte ihnen einfach nicht gelingen das runde Leder ins Netz zu hauen. Die Frustration unter den Barcelonistos stieg merklich, was vorallem die Emelec-Fraktion zu spuehren bekam, welche jetzt von den Tribuenenplaetzen oberhalb unter starken Beschuss genommen wurde. Auch die Spieler auf dem Platz agierten zunehmend frustiert, und so kam es in der letzten Minute noch zur obligatorischen Keilerei auf dem Spielfeld, welche durch Polizisten in Kampfmontur beendet wurde. Dies war das Zeichen fuer die weniger konfliktorientierten Stadionbesucher (eine Minderheit) das Stadion zu verlassen. Ich wartete wie immer den Schlusspfiff ab.

Dritte Halbzeit

Schlusspfiff. Das Schiesdrichtertrio rettete sich in die Kabine. Die Freude bei den Emelec-Anhaenger war riesig. Man hatte das uebermaechtige Barcelona geschlagen und das mit nur zehn Mann. Die Spieler liessen sich ausgiebig feiern und die Fans dankten ihnen den Sieg mit ueppigem Feuerwerk. Auf der anderen Seite setzten die Barcelonistas ihre eigene Tribuene in Brand und liessen sich von der Polizei aus dem Stadion pruegeln.
Auch mich spuckte das Stadion eiligst und dicht an dicht wieder aus. Mittlerweile war es dunkel und Scheinwerfer ausserhalb des Monumentals waren nicht vorhanden, weshalb nun 60′000 Menschen aus dem Stadion stolperten und sich aus den Augen verloren. Die Menschenmasse riss mich mit und der Strom spuehlte mich Richtung Stadtmitte. Nun erfuhr auch ich weshalb das Armeecamp im Belagerungszustand war: Die frustrierten Fanaticos bewarfen nun die Soldaten mit Steinen und Flaschen. Armeehass, welchen ich ja grundsaetzlich teile, doch fuer mich etwas ueberraschend warfen die Gruenen alle Gegenstaende postwendend zurueck. Auch wir gerieten in den Scherbenhagel und meine Begleitung wurde von herumfliegenden Glassplittern am Bein verletzt. Gluecklicherweise konnten wir uns in das nahe Haus einer befreundeten Familie retten und abwarten bis sich die Situation beruhigte.

Fazit

In Guayaquil kriegte ich das erhoffte Spektakel auf und neben dem Platz im Uebermass. Aufregend war es allemal, doch fast ein bischen zu viel des Guten. Ich glaube an diesem Punkt meine Studien des ecuadorianischen Fussballs wieder guten Gewissens nach Quito verlegen zu duerfen.

PS

Hopp Aarau. Hoffe die schiessen auch noch Tore wenn ich wieder in der Kurve stehe.