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Die einsamen Zollbeamten von La Balsa

Grenzuebergang La Balsa zwischen Ecuador und Peru

Nun bin ich also doch noch weitergekommen. Nach letzten Verzoegerungen und dem ueblichen haengen-bleiben im traumhaften Sueden Ecuadors, habe ich gestern Nachmittag die Grenze nach Peru ueberquert.
Die Reise fuehrte ueber den Grenzposten La Balsa. Grenzposten ist eigentlich uebertrieben. La Balsa ist derart abgelegen und die Reise so kompliziert, dass nur wenige vernuenftige Menschen den langen und beschwerlichen Weg auf sich nehmen. Unter anderem vier Schweizer, zu denen ich mich gesellte. Es gaebe uebrigens auch richtige Grenzuebergaenge zwischen Ecuador und Peru, mit geteerten Strassen, Schlagbaum und allem was dazugehoert. Ich weiss wirklich nicht weshalb ich ueber La Balsa reiste.

Die Reisestrapazen nahmen bereits um fuenf Uhr mogens ihren Anfang. Schlaftrunken kramte ich meinen Plunder im stockdunkeln Dormitorio der Hosteria Izhcayluma (Himmel auf Erden fuer jeden Backpacker) zusammen, wobei ich polternd, raschelnd und nicht unwillentlich die gesamte US-Fraktion aus dem Schlaf riss. Mit Vollpackung warteten wir nun an der ungeteerten Strasse auf den ersten Bus nach Zumba, welcher irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr vorbeifahren sollte. Die fuenfstuendige Fahrt gestaltete sich Landschafts- und Routenmaessig als hoechst interessant aber erwartungsgemaess als wenig komfortabel. Der Fahrer, welcher auch das Amt des Discjockeys bekleidete, sorgte mit einer vielseitigen Musikwahl fuer Abwechslung. Von unverfaenglichem Salsa ueber bustypische Cumbia gelangten wir schlussendlich und zur allgemeinen Ueberraschung ins dunkle Zeitalter des Eurodance. Zu Hits von 2 Unlimited (”No Limits”), La Bouche (”Sweet Dreams”) und Haddaway (”What is love?”) schauckelte sich der alte Gesellschaftswagen deutscher Produktion durch die Bergwelt in Richtung Peru.

Als wir gegen Mittag Zumba, die letzte ecuadorianische Ortschaft vor Peru, erreichten, brannte die Sonne bereits erbarmunglos auf die staubige Busstation nieder. Das halbe Dorf schien sich im Freibad abzukuehlen und auch ich waere am liebsten ins kalte Nass gesprungen. Dazu kam es jedoch nicht, denn selbstverstaendlich bot sich schon bald ein Pickupbesitzer als Fahrer zur Grenze an. Wir willigten ein die ein- bis zweistuendige Fahrt fuer insgesamt gerademal $15 anzutreten. Ich nutzte die Gelegenheit fuer eine letzte ecuadorianische Freiluftfahrt auf der Ladeflaeche. Die Qualitaet der Piste nahm weiterhin ab, so dass es mich ganz schoen durchschuettelte.
Nun stoppte das Fahrzeug, weil wir einen Checkpoint des ecuadorianischen Militaers erreichten.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zur peruanischen-ecuadorianischen Geschichte: Die beiden Laender pflegen nicht gerade ein gut-nachbarschaftliches Verhaeltnis. Seit mehr als einem Jahrhundert streiten sich die beiden Parteien ueber den Verlauf ihrer gemeinsamen Grenze. Durch mehrere bewaffnete Konflikte, welche im Krieg von 1941 gipfelten, verlor Ecuador fast die Haelfte seines Territoriums, groesstenteils unbesiedeltes Gebiet im Amazonasbecken, an Peru. Die letzten Scharmuetzel ereigneten sich im Jahre 1995 und erst 1999 kam es zu einem endgueltigen Grenz- und Friedensvertrag, infolge dessen erst Grenzuebergange errichtet wurden. Verstaendlichweise sind die Narben aus ueber hundert Jahre Feindschaft noch alles andere als verheilt und so verfuegen die Peruaner in Ecuador ueber eine aeusserst miese und pauschal schlechte Reputation.

Wir erreichten also den Checkpoint, bestehend aus einem Schlagbaum und primitiver Huette, in dessen Schatten drei minderjaehrige uniformierte Chicos, an ihren automatischen Waffen und Handys rumspielend, faulenzten und sich das suesse Nichtstun mit Musik von Aventura wuerzten. Der Ranghoechste sang. Unsere Ankunft brachte sie ueberhaupt nicht aus der Ruhe. Der Leader kontrollierte unsere Papiere und verabschiedete uns freundlich. Durchgehend singend. Schlussendlich traf sogar noch Verstaerkung, in Form zweier schluerfender Tunichtgute in Shorts und Sandallen ein, welche ihre Waffenbrueder mit Proviant (Cola und Leckereien) versorgten.

Weiter gings talwaerts. Bald erreichten wir den erst zweijaehrigen Grenzuebergang von La Balsa, welcher aus einem Zollbuero, einer Schenke, einer Wechselstube und natuerlich der internationalen Bruecke besteht. Wir betraten das Zollbuero, wo sich ein Beamter am Computer die Zeit vertrieb. Die Wand zierte ein Schwarzweissausdruck eines Playboyhaeschens, betitelt mit “Sekretaerin der Zollbehoerde von La Balsa”. Nun fasste ich den ersten Ausreisestempel meines Lebens und schlenderte zur Schenke, wo uns ein Fisch aufgetischt wurde, ueber dessen Koestlichkeit wir uns nicht ganz einig wurde. Bedient wurden wir von einem Zollbeamten, welcher aus lauter Langweile in der Gaststube den Kellner mimt.
Nachdem ich beim Dealer um die Ecke noch $10 in peruanische Sol wechselte, machten wir uns (als einzige Reisende weit und breit) auf ueber die internationale Bruecke und erreichten endlich die andere Seite des Rio Chinipe, wo stolz die peruanische Flagge im Wind wehte.

Aus einem Karbaeuschen winkte uns ein Senor zu, welcher sich als peruanischer Zollbeamter herausstellte. Nebst dem Einreisestempel versorgte er uns auch mit touristischen Informationen (voller Stolz und in gebrochenem Englisch) und hiess uns offiziell willkommen.

Anschliessend diktierte uns der einzige Taxifahrer im Ort (Transportmonopol) den Preis von 60 Sol ($10) fuer die zweistuendige Fahrt in die erste Ortschaft von einiger Bedeutung (fuer einen Lonely Planet Eintrag hats trotzdem nicht gereicht): San Ignacio. Die Piste auf peruanischer Seite erwies sich als zerfurcht, teilweise ueberschwemmt und sehr holprig, was dem alten Toyotakombi aber nicht gross zu schaffen machte.

Erschoepft und verschwitzt erreichten wir das Staedtchen, quartierten uns ein und knuepften erste Kontakte zur hiessigen Geldwechselszene. Meine ecuadorianischen Dollar-Scheine loszuwerden erwies sich als schwierig, doch ein freundlicher Herr half mir auf der Suche nach Soles und lockte einen Geldwechsler mit der Luege aus seiner Wohnung, ich verfuege ueber schweizerische Dollarscheine.

Spaeter erfuhren wir dann die tolle Neuigkeit, dass heute Sonntag eine nationale Volkszaehlung ansteht. Bedeutet: Kein Peruaner darf sein Haus verlassen. Allen muessen den Besuch der Beamten abwarten. Busse fahren keine, Geschaefter sind geschlossen, das Leben steht still. Erinnerungen an die Leyseca in Cuenca kamen auf.
Abewarten und Coca-Tee trinken stand also auf dem Programm. Spaeter betraten die Beamten unser Hostal und zaehlten uns auch gleich mit. Wir mussten Fragen beantworten wie: “Wo wohnt Ihre Mutter?” oder “Koennen Sie lesen und schreiben?”. Nachmittags vertraten wir uns die Fuesse im ausgestorbenen Dorf, wovon uns ein Herr dann dringend abriet, weil wir angeblich wegen nicht-befolgen der Ley in den Knast gesteckt werden koennten. Bienvenido a Peru.

PS. Auf der Seite Ecuador Travel Recommendations (englisch) habe ich meine Empfehlungen und Tips fuer derzeitige und zukuenftige Ecuador-Reisende veroeffentlicht.