Sonntagabend in der peruanischen Kleinstadt San Ignacio: Leergefegte Strassen, traurige Gesichter und verriegelte Tueren? Mitnichten. Hier endet das Wochenende nicht Sonntagnachts sondern Montagmorgens.
Davon konnte ich mich hoechstpersoenlich ueberzeugen. Mit zwei Landesgenossen strich ich durch die Strassen des unspektakulaeren Staedtchen, als unsere Ohren ploetzlich wummernde Baesse und scheppernde Hoehen aus einem schmuddelig ausgeleuchteten Lokal vernahmen.
Den Lockrufen des naechtlichen Vergnuegen konnten wir nur schlecht widerstehen und so fanden wir uns schon bald an der Bar wieder. Das Sortiment hinter dem Tresen beschraenkte sich auf ein einziges Getraenk: Pilsen Bier. Was der Barkeeper nicht schuettelte, kompensierte der DJ mit seinem Muskcocktail aus fuenfzig Jahren Pop und Latin. Zwischen und waehrend den Songs laberte ein Junge, in Zuerich nennt man das Host, Belanglosigkeiten ins Mikrofon. Diesem entging die Anwesenheit der drei Gringos natuerlich nicht und so widmete er uns eine laengere Begruessung, aus deren Wortlaut ich nur das Wort “Suiza” entnehmen konnte.
Nun gab es kein Entkommen mehr. Jeder wollte uns an seinem Tisch wissen. Das Bier floss in rauen Mengen und wir wurden in die peruanischen Trinksitten eingefuehrt. Die Peruaner haben naemlich eine hoechst oekonomische, gerechte und effektive Methode entwickelt sich die Lampe zu fuellen: Staendig machen eine Bierflasche und ein Glas im Gegenuhrzeigersinn die Runde am Tisch. Erhaelt man die Flasche von seinem Sitznachbar linkerhand, wartet man ab bis dieser den ordentlich gefuellten Kelch in einem Zug ausgetrunken hat, ihn zwischen seinen Haenden dreht als wolle er ein Feuer entfachen, und den verbleibenden Bierresten mit einer bruesken und theatralischen Geste zu Boden leert. Nun wird einem der Becher dargereicht und man hat selbiges zu erledigen, will man seine Gastgeber nicht beleidigen.
Doch schon bald lernten wir auch die betruegerische Ader des Peruaners kennen. Waehrend wir Schweizer das Glas stets ordentlich fuellten und pflichtbewusst bis auf den letzten Tropfen austranken, beobachteten wir unsere neuen Freunde vermehrt dabei, wie sie lediglich am Glas nippten, um anschliessend klammheimlich ihr gesamte Bier auf den Boden zu schuetten.
Selbstredend wurde auch das Tanzbein ordentlich geschwungen. Doch auch diese Aktivitaet folgt in San Ignacio seinen eigenen Regeln: Erklingt ein neuer Titel, ist es an den Jungs das weibliche Geschlecht zum Tanz aufzufordern. Alleine tanzen kommt nicht in die Tuete. Willigt die Frau ein, was sie in jedem Fall tut, betritt das Paar die Tanzflaeche und bewegt sich gekonnt elegant, jedoch nie enthemmt und stets mit einem halben Meter Distanz, im Rhytmus der Musik. Ist das Lied zu Ende, leert sich der Dancefloor vollstaendigt und jeder kehrt an seinen Tisch zurueck, womit das Spiel wieder von vorne beginnen kann.
Noch ein Wort zu den sanitaeren Anlagen des Schuppens: Die Maennertoillete ist eine Grube in einer Ecke der Tanzflaeche, welche durch eine schulterhohe Mauer vom Rest getrennt ist.
Gegen vier Uhr morgens zeichnete sich der kommende Arbeitstag dann trotzdem ab und der Laden leerte sich. Nur noch drei unbeugsame Eidgenossen sitzten an ihrem Tisch und kaempften mit ihren vollen Baeuchen.
Von all unseren Abendbekanntschaften hat sich kein Einziger und keine Einzige verabschiedet. Am naechsten Tag geht die Reise weiter, doch den 7 Uhr Bus lassen wir sausen.