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Vallunaraju - zu Berg in der Cordillera Blanca

Nord- und Suedgipfel des Vallunaraju (5680m ueber Meer) in Perus Cordillera Blanca

Richtig, auch in Peru spriessen die Gipfel nur so aus dem Boden. Insbesondere in der Cordillera Blanca, die Schweiz Perus, wo ich derzeit die Stadt Huaraz meine Heimat nenne. In dieser Region (nur 20km breit und 180km lang) befinden sich ueber fuenfzig Berge, welche hoeher als 5700m in den Himmel ragen. Was wuerde sich da mehr anerbieten als eine neuerliche Expedition in luftige Hoehen?

Fuer Anfaenger wie mich anerbietet sich der Vallunaraju, wie mir von verschiedener, insbesondere verkaufsorientierter, Seite beteuert wurde. 5680m misst der stolze, von einem Gletscher bedeckte, Riese. Vom Debakel am Cotopaxi immer noch leicht traumatisiert, ueberliess ich heuer nichts dem Zufall. Fest stand: Keine lahmenden Oesterreicher am Seil, kein geistig beeintraechtiger Bergfuehrer, keine drueckende Schuhe, keine Stirnlampen sowjetischer Produktion. So warf ich viele Nuevo Soles auf und heurte bei der feinsten Agentur auf dem Platz an. Schon beim anprobieren der Ausruestung wurde mir warm ums Herz. Auf den tarnfarbenen Bergstiefeln stand in deutscher Sprache “HEERESEIGENTUM” und auf dem Mammut-Klettergurt fand ich die Inschrift “Industriestrasse Birren, 5703 Seon” vor. Gute Voraussetzungen.

Am ersten Tag fuhren wir im Taxi-Jorge an den Fuss der Bergkette und kletterten mit all unserem Camping-Equipment auf 4800m Hoehe. Waehrend der Aufstieg noch einigermassen trocken verlief, gerieten wir auf Camp-Hoehe in einen Hagelsturm, so dass die gesamte Landschaft innert Kuerze von einer weissen Hageldecke ueberzogen war. Unter diesen Bedingungen errichteten wir unser Lager. Den Nachmittag verbrachten wir lesend und faulenzend in unseren warmen Daunen-Schlafsaecken. Schnee loeste Hagel ab. Gottseidank schlief ich bald ein und erwachte erst wieder als der Wecker um Mitternacht klingelte.

Der Gang an die frische Luft brachte zwei Ueberraschungen zu Tage: Der Himmel war sternenklar und die Luft angenehmer Temperatur. Nach einer kleinen Staerkung ging es los. Ueber vereisten Fels und Gestein kletterten wir eine Stunde zu den ersten Auslaeufern des Gletschers, wo wir Steigeisen und Seil montierten. Endlich auf dem Gletscher. Etwas nachteilig erwies sich der abendliche Schneefall: auf dem Eis lag etwa ein halber Meter Neuschnee. Jeder Schritt wurde zum Kraftakt. Fuer Lucho jedenfalls, welcher vorausging und mit seinen Fussabdruecken den Pfad ueberhaupt erst legte. So hatte ich, im Schlepptau, genuegend Zeit die unvergessliche Atmosphaere zu geniessen. Noch nie in meinem Leben sah ich soviele Sterne am Himmel. Unter uns leuchteten friedlich die Lichter der schlafenden Stadt Huaraz. Auf der anderen Seite der Cordillera, in weiter Entfernung, sahen wir zuckende Blitze den Himmel ueber dem peruanischen Regenwald erhellen. Mutterseelenalleine waren wir auf dem Berg. Keine andere Menschenseele und kein Tier hinterliess seine Spuren im Schnee. Vallunaraju, fuer eine Nacht alleine unser.

Nach etwa drei Stunden Marsch und 500m Hoehendiffernz machte Luchos Magen Kapriolen. Die Pausen haeuften sich. Darueber war ich nicht ungluecklich, wurde die Luft doch immer duenner. Lucho sich vornuebergebeugt am Uebergeben. Ich halbschlafend im Schnee liegend. Irgendwie erreichten wir dann trotzdem den Fuss der beiden Gipfel. Hier kamen wir zum ungemuetlichen Teil, denn an dieser Stelle war der ganze Boden von Gletscherspalten durchzogen. Tueckischerweise nur schlecht sichtbar, des Neuschnees wegen. Wir tasteten uns in Zeitlupe vor. Sonnenaufgang. Dann gleich vor dem letzten Anstieg ein zwei Meter breiter Abgrund ueber die gesamte Laenge, die zwei Gletscherhaelften nur durch schmale Eisbruecken verbunden, welche zu 90% aus Neuschnee bestanden. Genauere Abklaerungen ergaben zwei Optionen. 1. Sprung ueber den Abgrund an der schmalsten Stelle. 2. Ueberqueren der Eisbruecken. Wir entschieden uns fuer Option zwei und trippelten erfolgreich ueber die Bruecke. Zielgerade. Ich komme kaum noch zu Sauerstoff. Keuchen und pausieren nach zehn Schritten wie nach einem 100m Sprint. Zu guter Letzt noch eine kleinere Kletterpartie mit Haenden und Fuessen. Sieben Uhr Morgens, endlich stehen wir auf dem Gipfel. Die Muehen haben sich ausgezahlt, wir ueberblickten halb Peru, der Himmel von keinem Woelkchen bedeckt. Ich fuehle mich wie betauebt.

Erholung war mir nicht vergoennt, denn schon hetzte mich Lucho wieder den Berg runter. Zurecht, denn die Sonne schien mit voller Kraft in den Schnee, was ihn zunehmends schwerer und naesser werden liess. Schlechte Eigenschaften fuer den Steigeisentraeger, dessen Schuhe sich nun alle fuenf Schritte verklumpen. Immer abklopfen mit der Eisaxt. Der Abstieg verkommt zum Torkeln. Irgendwann laeuft es von alleine. Zehn Uhr Ankunft beim Camp. Alles einpacken und auf die letzte Etappe ins Tal. Die zweistuendige Abkuerzung, welche angeblich nur Lucho kennt, erwies sich als glitschige Kloake des lokalen Wildpferdebestand. An der Strasse wartete schon Jorge mit seinem Toyota. Er fragt: “Welche Armee Europas wird am meisten gefuerchtet?” Ich schlafe ein. Zurueck in Huaraz geistere ich ziellos durch das emsige Treiben auf den Strassen. Jeder Schritt auf den Pflastersteinen kommt fuer mein Gehirn einem Erdbeben gleich. In meinem Hotelzimmer verfolge ich mit Interesse eine Politdiskussion bezueglich Mindestlohn fuer deutsche Postbeamte auf Deutsche Welle. Irgendwann schlafe ich ein.