Dunkel wie in einer Kuh. Der Schweiss tropft und vermischt sich mit Staub und Kiesel zu einem Hautpeeling der unerwuenschten Art. Sauerstoff gibt es nur wenig, wir befinden uns auf 4100m. Atmest du, saugt sich deine Lunge bis in die hinterste Ritze mit Staub voll. Abhilfe schafft der Atemschutz, ein Taschentuch, dass vor Mund und Nase gebunden wird. Negative Eigenschaft: Sauerstoffzufuhr halbiert sich. Du bist alleine. Mit dir sind nur die Geraeusche deiner Compañeros. Meissel, die in muehsahmer Handarbeit in den Fels gerammt werden, der dumpfe Knall der Dynamit/Ammoniumnitrat-Sprengladungen, die Schubkarren, welche auf Schienen durch den Berg geschoben werden. Willkommen in den Silberminen von Cerro Rico, Hoelle auf Erden.
Cerro Rico ist der Hausberg Potosis, hoechste Grossstadt weltweit. Potosi ist Silber und Silber ist Potosi. Als die Spanier 1533 das Schwermetall am Fusse des Cerro Rico fanden, gab es kein Halten mehr. Mehr als zwei Jahrhunderte lang wurde durch indigene und afrikanische Sklaven Silber aus dem Berg gekarrt und nach Spanien verschifft, was einerseits die Finanzierung des spanischen Staatsbudgets garantierte, und andererseits nicht weniger als acht Millionen Sklaven das Leben kostete. Potosi wurde zur groessten Stadt der westlichen Hemisphaere. Mit der Menge des Silbers, welches die Spanier raubten, haette sich eine Bruecke von Bolivien nach Spanien bauen lassen.
Heute ist das Silber im Besitz der Mineros. Nach ueber vierhundert Jahren Silberfoerderung und Ausbeutung der Minenarbeiter verlor der Cerro Rico fuer auslaendische Investoren mangels Return on Investment an Attraktivitaet und man warf den Mineros die verbleibenden klaeglichen Silberreste vor, wie man einem Hund die Knochen eines feissen Steaks vorwirft. Doch noch immer sprengen, scharren und haemmern sich taeglich fuenfzehntausend Mineros durch die Minen, immerzu auf der Suche nach dem grossen Lucky Punch oder zumindest einer vergessenen Silbervene, ein bischen Zink oder Blei. Viel Zeit ist vergangen seit Sklavenblut die Stollen im Cerro Rico traenkte, doch die Arbeitsbedingungen aenderten sich nur wenig. Noch heute stirbt im Durchschnitt ein Minero taeglich, sei es an Staublunge, in Folge von Explosionen oder durch Einatmen giftiger Gase. Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine, Schutzkleidung schon gar nicht. Werden Mineros verschuettet, was oft vorkommt, so betet man bestenfalls fuer ihre Seelen, denn gerettet wird nicht. Der Zugang zu den Minen ist ungeschuetzt. Reinlaufen kann jedermann, doch freiwillig tun das nur wenige.
Die Silberminen von Cerro Rico wurden mein Arbeitsplatz. Drei lange Tage half ich dem Minero Don Alberto bei seiner toedlichen Arbeit. Seit dem vierzehnten Lebensjahr arbeitet Don Alberto im Stollen, achtzehn Jahre sind seither ins Land gezogen. Don Alberto wird bald sterben. Ersticken. Seine Familie wird eine Rente von achtzig Franken monatlich erhalten.
Waehrend sich die meisten Mineros zu Teams von drei bis fuenf Mann formen, arbeitet Don Alberto alleine. Er ist der Meinung, dass alle anderen Mineros schwaecher sind als er. Eine Einschaetzung, die ich teile. Jeder Minero arbeitet auf eigene Rechnung. Freitags verkauft ein jeder sein gewonnenes Silber. Sein Verdienst ist abhaengig von Glueck, Spekulationen an der Silberboerse und variert zwischen fuenf und fuenfzehn Franken taeglich. Minero ist man nicht freiwillig. Arbeit ausserhalb der Mine gibt es nur wenig und die meisten der Minenarbeiter haben eine Familie zu ernaehren.
Der Arbeitstag der Mineure beginnt um sieben Uhr Morgens auf dem Mercado de los Mineros. Hier ruestet sich der Minero mit den Guetern des taeglichen Gebrauchs aus. Die da waeren: Dynamit, Ammoniumnitrat, Zuendschnur, Strohrum (96%), Coca. Sprengstoff kann jedermann voellig legal und zum Spottpreis erwerben. Anschliessend wird das Fruehstuck, welches zugleich auch Mittagessen ist, eingenommen. Ein Minero verspeist jeden Morgen zwischen drei und vier Teller Fleisch mit Reis. Anschliessend geht es zu Fuss zum Eingang einer der ueber vierhundert Minen im Cerro Rico. Nun wird Coca gekaut und geplaudert. Aus zirka fuenfhundert Cocablaettern und einem Kataltysator bildet der Minero den Cocabola in seiner Wange. Coca ist der Treibstoff der Mineros. Es gibt ihnen Kraft und Motivation und nimmt ihnen Durst, Hunger und Schmerzen.
Etwa um zehn Uhr geht es in den Stollen. Die Gaenge sind dieselben wie vor vierhundert Jahren. Aufrecht gehen insbesondere fuer Europaer unmoeglich. Auf Schienen rasen Karren durch den Berg, welche fuer dich nicht bremsen. Nach etwa zweihundert Metern rapider Abfall von Sauerstoffgehalt und Anstieg der Temperatur. Nun geht die Kletterei los, denn Don Alberto arbeitet im untersten, vierten Geschoss. Kriechend geht es durch enge Gaenge, bald lotternde Leitern heruntern, bald einfach runterrutschend.
In Don Albertos Reich angekommen, fasse ich meine Aufgabe: Ein etwa ein Meter hoher Gang, welcher vollstaendig mit Geroell gefuellt ist, gilt es mit Schaufel und Pickel zu raeumen. Nichts leichter als das, denke ich mir, und mache mich an die Arbeit. Einsam und gottverlassen kaempfe ich mich durch die Gesteinsmassen. Jede Sinnesempfindung wird zum Fesitval der Gefuehle. Das Aufblitzen eines Kristalls im Licht der Stirnlampe, das Spruehen der Funken beim Aufschlag des Pickels, das Scharren oder Haemmern eines Compadres in einem benachbarten Stollen. Als ungemuetlich erweisen sich die zahlreichen Explosionen, welche sich unangekuendigt und manchmal in unmittelbarer Naehe ereignen.
Um zwei Uhr laesst die Wirkung des Coca nach, an Arbeit ist nicht mehr zu denken. Zeit fuer eine Pause. Waehrend einer Stunde wird die Cocaladung erneuert, ein wenig Wasser getrunken und nur wenig geredet. Dann geht es wieder an die Arbeit. Um vier Uhr fuehle ich mich ploetzlich muede. Ich setze mich und schlafe augenblicklich auf einem Schotterhaufen ein. Um fuenf Uhr weckt mich Don Alberto. Wir kehren zurueck ans gleissened Tageslicht.
Die Mineros von Cerro Rico glauben an den Teufel, welcher liebevoll el tio, der Onkel, genannt wird. Korrekterweise sind sie der Meinung, dass Gott unmoeglich Herr ueber ihren Arbeitsplatz sein kann und sie sich viel mehr im Reich des Teufels bewegen, welches der Hoelle ziemlich aehnlich ist. Ueberall im Berg befinden sich tio-Figuren, welche mit Alkohol und Zigaretten gnaedig gestimmt werden, um hohe Ertraege und unfallfreie Arbeit zu gewaehrleisten. Am zweiten Tag fasse ich die ehrenvolle Aufgabe den verschuetteten Zugang zu Don Albertos tio zu raumen. Leider ist es in dem Kanal nur liegend moeglich zu Arbeiten, so dass ich schneller als am ersten Tag ermuede. Am Ende des Tages schleppen wir Don Albertos Wochengewinn in Taschen zu 50kg aus der Mine.
Nach einem Arbeitstag in der Mine geschehen seltsame Dinge. Nase schneuzen: Erste Ladung Schwarz, zweite Ladung Cocablaetter. Duschen: Die von Schuerfungen und Wunden aufgerissene Haut brennt, sauber wird man trotzdem nicht. Zaehne putzen: Das Gruen der Cocablaetter geht nicht weg. Sprechen: Stimme versagt, stattdessen rotzt man schwarzen Schleim.
Der dritte und letzte Tag in Cerro Rico ist ein guter Tag. Es ist Freitag. Heute wird dem tio gehuldigt. Don Alberto zeigt mir noch die Technik der Felsperforation und dann haengen wir in der staubigen Hoehle des Tios rum (im fuenften Geschoss). Wie nicht anders zu erwarten war, endet die tio-Zelebration in einem riesigen Besaeufniss. Eine Flasche Strohrum wird geoeffnet und zuerst dem tio und dann Mutter Erde (Pachamama) einige Tropfen dargereicht. Anschliessend wird gesoffen, dass sich die Balken biegen und noch mehr Coca gekaut. Das ganze “Ritual” zog sich ueber mehr als fuenf Stunden hin. Am Ende lag Don Alberto im Halbkoma und es war an mir, ihn aus der Mine zu schleppen. Nach etwa einer Stunde Klettern und Kriechen erreichten wir das Tageslicht, wo wir sobald in eine Huete gebeten wurden um noch mehr Strohrum zu konsumieren.
Als drei Mineros den Zustand der Bewusstlosigkeit erreicht hatten (unausweichliches Resultat eines jeden bolivianischen Besaeufniss) und zwei weitere am Weinen waren (Liebeskummer, ebenfalls unausweichlich) torkelte ich mit Don Alberto von dannen. Drei Tage in der Hoelle von Cerro Rico nahmen fuer mich ein Ende. Die Mineros von Potosi aber werden die haerteste aller Arbeit fortsetzen. Wie lange noch, ist nur eine Frage der Zeit. Der Cerro Rico ist durchloechert wie ein Schweizer Kaese. Er wird einstuerzen, bald, tausende Mineros unter sich begraben und der tragischen Geschichte der Silbermine Potosis ihr tragisches Ende setzen.
