Wie jeden Werktag betritt Poestler Beauvais punkt neun Uhr morgens im grauen LA POSTE Regenmantel das Buero 222 an der rue General-Dufour 24 und bringt haufenweise Immatrikulationen aus der ganzen Schweiz. Heute hat er wiedermal etwas Besonderes dabei, das sieht Madame Fontaine schon von weitem an seinem breiten Grinsen. Und tatsaechlich, wie immer laesst Herr Beauvais die Katze gleich aus dem Sack: “Heute habe ich einen Eingeschriebenen dabei. Wissen Sie woher Madame? Wissen Sie voher? Devinez!”. Ohne ihre Antwort abzuwarten, Monsieur Beauvais muss weiter, ueberreicht er ihr einen Umschlag. Kolumbien. Madame Fontaine unterschreibt. Kolumbien hatte sie schon lange nicht mehr, Herbstsemester 03, wenn sie sich nicht tauescht. Der Umschlag macht einen lausigen Eindruck, und das ist nicht nur der weiten Reise zuzuschreiben. Schnudrig zugeklebt mit Tesa-Film,fluechtig beschriftet (drei mal korrigiert). Absender URECH, 5000 Aarau. Wenigstens kein Kolumbianer, denkt sie und oeffnet den Umschlag mit dem bronzenen Briefoeffner, ihr Dienstaltersgeschenk zum Dreissigsten.
Der zu duenne Umschlag ist bis zum Bersten gefuellt, das Format - C6 - viel zu klein, weshalb URECH - Dossier N°: SES-4399-08 - Antrag und Beilagen jeweils zweimal falten musste. Dies tat er sichtlich ungeschickt, und auch hier musste er zweimal neu ansetzen. Frau Fontaine nimmt die Blaetter aus dem Umschlag, legt sie auf die Läufer-Schreibunterlage und streicht sie erst einmal glatt. Zuoberst auf dem Stapel der Immatrikulationsantrag im Doppel. Die haben wohl keine Tinte in Kolumbien, denkt Frau Fontaine, kaum leserlich sind die Buchstaben aufs Recyclingpapier gedruckt. Dafuer der ganze Rand versudelt und Eselsohren. Mit einer rostigen Bueroklammer ist ein Passfoto geringer Aufloesung ans Papier geheftet. Da grinst er ihr nun entgegen, URECH, und Frau Fontaine denkt: Der kommt dann schon noch auf die Welt, bei uns in Genf. Sie blaettert weiter, hofft der Antrag sei wenigstens unvollstaendig. Passkopie schwarz-weiss und gaenzlich unleserlich. Kopie einer Kopie, keine Frage, aber Pass ist Pass. Kopie Maturitaetszeugniss. Manchmal fraegt man sich schon, denkt sie, wieso die mit Grips immer die groessten Schnuderis sind. Lebenslauf. Auf Spanisch! Als wuerden wir in Genf Spanisch sprechen, so weit kommt es noch. Und Referenzen aus Ecuador.
Das Telefon klingelt, Frau Fontaine versorgt die Papiere in eine Biella-Sichtmappe und legt das Dossier zu den anderen Anträgen. Nicht vergessen beim Cafe Françoise erzaehlen, denkt sie und beantwortet den Anruf noch vor dem dritten Klingeln.